Hochmut kommt vor dem Fall

Es fängt mit einem simplen Städtetrip an. Solche Wochenenden alleine in fremden Städten mache ich immer wieder gerne. Es ist meine Art aus meiner Komfortzone rauszukommen und die Welt zu erleben. Und obwohl jede einzelne Unternehmung mit Stress verbunden ist, freue ich mich doch jedes Mal am Schluss es gemacht zu haben.

Die Person die ich hier besuchen wollte fragt mich eines Tages, ob mir bewusst ist, dass genau an diesem Wochenende die #FrauOenrunde stattfindet. Nein, natürlich nicht. Eigentlich glaube ich nicht an Zufall oder Schicksal, aber da war mir klar, dass ich es jedenfalls versuchen muss. Das ist wieder dieses Ding mit dem bereuen, wenn man etwas nicht gemacht hat, wisst ihr? Also schrieb ich eine Mail und wartete. Und wartete. Und wartete.

Schließlich kam eine Woche vorher die Bestätigung zum Event. Und obwohl ich mich sehr darüber freute war ich Tiefenenspannt. Denn mein Kopf schien verstanden zu haben, wie wenig Sinn es macht, wenn man sich um etwas stresst, dass man nicht verändern kann. Sowas macht das Leben wirklich angenehmer. Im besten Fall habe ich die „Erleuchtung“ die andere TeilnehmerInnen hatten. Im schlimmsten Fall merke ich, dass Frau O und andere Teilnehmerinnen total doof sind. Dann habe ich aber auch was gelernt und muss mich nicht die nächsten Jahre fragen was gewesen wäre.

Ich machte mir keinen Stress um meinen Outfit. Vor zwei Wochen war ich zum dritten Mal in einem BDSM Club und hatte da das perfekte Outfit für mich gefunden. Meine Haare wollten nicht mitspielen, aber das war okay. Meine Verabredung am Vortag war super gelaufen, ich sah super aus und selbst das Studio habe ich sehr schnell gefunden. Was sollte schon passieren.

Frau O sah ganz anders aus als ich dachte. Und auch Marie Monroe hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Aber es war okay, es ging ihnen wahrscheinlich genau so. Wenn man einen Account liest, projizierte man seine Gedanken und Vorstellungen rein. Und dann kann die Person im echten Leben nicht so aussehen. 

Die Gruppe war toll. Es herrschte von Anfang an eine offene Kommunikation, jede Einzelne war aufgeregt, aber gut gelaunt. Die gute Stimmung war ansteckend. Selbst wenn ich gestresst gewesen wäre, hätte ich hier keine Möglichkeit gehabt es zu bleiben. Ich wünschte ich hätte die Möglichkeit gehabt mich mit einigen viel besser zu unterhalten. Das wäre die letzte Etappe der FrauOenrunde gewesen zu der ich nicht mehr kam.

Später machten wir uns auf zum Club. Der Zieglerkeller war wirklich sehr interessant. Und obwohl es als kleine Party angekündigt war, kam es mir riesig vor. Meine wenigen Clubbesuche waren in einem kleinen , fast privaten Club Zuhause. Ganz abgesehen, dass ich den Veranstalter persönlich kenne, ist da die Gemeinde sehr klein. Das heißt, dass jeder Neuankömmling dort an die Hand genommen wird. Ich habe mich da immer wie in einer warmen Decke gefühlt. Immer geborgen und gut aufgenommen. 

Ich wollte ja etwas neues, aber darauf war ich scheinbar nicht vorbereitet. Plötzlich war ich an einem Ort, wo ich bis auf meine Runde niemanden kannte. Meine Verabredung kam und hat sich mit der einzigen Teilnehmerin zurück gezogen, die ich etwas besser kannte. Nun gut, dann erkunde ich einfach den Club alleine. 

Ich unterhielt mich mit einem Mann, der sehr viel Lust darauf hatte zu spielen. Ich erkannte, dass er bereit wäre mit mir zu spielen wenn ich ihn darum bitten würde. Aber irgendwie konnte ich es nicht. Mir wird jetzt im Nachhinein klar, dass ich mich nur fallen lassen kann wenn ich die ganze Situation kontrolliere. Das erkenne ich und andere daran, dass ich dann anfange Witze zu machen, und noch wichtiger: ich strahle. Es ist ein Strahlen, das den ganzen Raum erfüllt und mit dem ich im Grunde alles bekommen kann was ich will. Aber hier füllte ich mich nicht ganz sicher, also blieb ich die zurückhaltende Person die ich sonst auch immer bin.

Ich fing an Frau O zuzuschauen. Sie hatte damit angefangen Teilnehmerinnen der Runde zu bespielen. Es war für mich sehr interessant und aufschlussreich. Ich habe Zuhause nie die Möglichkeit zu sehen wie weibliche Dominanz ist. Das wollte ich unbedingt sehen, was einer der Gründe war mich anzumelden. Es ist überwältigend wie unterschiedlich Dominanz sein kann. Und ich fragte mich, was meine Art ist.

Plötzlich merkte ich wie mein Kopf voll war. Ich weiß nicht ob es anderen genauso geht, aber ich merke für mich selbst sehr gut wann es zu viel wird. Das ist wie ein Glas voller Wasser, das kann man nicht unendlich befallen. Irgendwann kommt der eine Tropfen der zu viel wurde. Ich beschloss auf Klos zu gehen, mal raus zu gehen und mich abzulenken. Aber es wurde nicht besser. Mein Kopf brauchte Ruhe und Zeit alles zu verarbeiten. Und ich merke wie jeder Impuls mein Gehirn quälte. Ich beschloss daraufhin zu gehen, hatte aber noch ein Problem. Die Person die meine Karte hatte wurde gerade bespielt. Und ich hätte mir lieber die Hand abgehakt als die dabei zu stören. Also wartete ich.

Das Warten hat nicht sehr lange gedauert, es reichte allerdings damit ich keine Luft mehr bekam. Ich saß in der Zeit bei anderen Teilnehmerinnen und merkte wie sie versuchten mit mir eine Konversation zu halten. Ich konnte allerdings überhaupt nicht darauf eingehen. Was sie bloß von mir gedacht hatten? In dem Moment war es aber zweitrangig.

Als ich endlich meine Karte hatte ging ich raus. Ehrlich gesagt war es eher ein stürmen. Und gerade rechtzeitig bevor ich gar keine Luft mehr bekam. Es war  perfekt. Keiner der Menschen drin könnte wahrscheinlich verstehen wie ich mich fühle. Und Menschen zu erklären was ich habe stresst mich ja sowieso mehr als alles andere. Ich kann inzwischen mit solchen Situationen sehr gut umgehen. Außerdem wollte für niemanden eine Belastung sein oder Schwäche eingestehen. Das ist zwar eine blöde Angewohnheit. Aber was man als Kind beigebracht bekommt geht nie wieder raus.

Ich lief also zum Hauptbahnhof. Die Kälte war perfekt um mich zurück zu holen, die sehr sehr laute Musik in meine Ohren hat ihr übriges getan. Am Hauptbahnhof angekommen war ich wieder vollkommen klar. Und im Hotel angekommen war ich einfach nur Hundemüde.

Der Gedanke der mich auf dem Nachhauseweg gequält hat war die Frage, ob ich im BDSM richtig bin. Ich sah Personen die ohne sexuelle Konnotation geschlagen wurden und dabei total abgingen. Ich liebe den Schmerz, aber nur der Schmerz macht es nicht alleine. Ich brauche dabei Sex, oder wenigstens Kopfkino. Ich fragte mich also auf dem Nachhauseweg warum ich mich denn überhaupt angemeldet hätte. Ich bin nicht hart, ich bin nicht wirklich masochistisch, nicht sadistisch, devot oder dominant, ich gehöre nicht dazu. Heute morgen erkenne ich ganz klar, dass dem nicht so ist. Im Grunde es ist egal wo und ob ich in einer BDSM Skala angesiedelt bin. Es reicht, dass ich Spaß habe. Es war einfach nur der Gedanke der das Glas zum überlaufen gebracht hat und überhaupt nicht wichtig.

Ich war hochmütig. Ich vergas, dass ich so bin wie ich bin. Und das nur, weil ich keine Angst dabei hatte zu einem Treffen mit 12 fremden Personen zu gehen. Ich vergas, oder besser ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich anders bin. Auch jetzt fällt es mir schwer diese Zeilen zu schreiben. Während ich diesen Text geschrieben habe beschloss ich, diesen Text zu veröffentlichen. Es fühlt sich komisch an zu wissen, dass es theoretisch jeder lesen könnte. Und ich frage mich ob die Personen die mir hier ans Herz gewachsen sind, mich mit anderen Augen sehen werden. Aber ist totale Radikalität nicht das Beste? Man sollte ja Menschen die man mag nicht nur die gute Seite zeigen, sondern alles. Wer mich danach mit anderen Augen sieht, den brauche ich ja auch nicht. Das rede ich mir jedenfalls gerade ein.

Jedenfalls war ich so stolz auf mich. Ich habe in den letzten Monaten/Jahren meine Grenzen immer weiter verschoben. Und dachte nicht, dass mich dieser Abend aus der Spur bringen würde. Aber ich bin wahrscheinlich wie jeder Mensch und komme einfach irgendwann an meine Grenzen. Dafür sollte ich mich auch nicht schämen. Aber ich gehe hart mit mir ins Gericht, dass ich diese Tatsache vergas.

Nachtrag:
Vielleicht war das, was ich auf der FrauOenrunde lernen musste nichts sexuelles (wobei ich natürlich auch da viel mitnehme). Vielleicht musste mir wieder klar werden, dass ich mich und meine schwache Seite nicht außer Acht lassen darf und sie lieber in Stärke umwandeln sollte, anstatt sie zu vergessen.

2 Gedanken zu „Hochmut kommt vor dem Fall

  1. Ein toller Bericht, ich war früher auch öfter in swingerclubs. Das war eine tolle Erfahrung. Zusehen, genießen oder nur einfach etwas essen und trinken.
    Man muss für sich selbst herausfinden was einem gefällt. Offen für Neues sein und sich selbst keinen Stress machen. Einen schönen Abend genießen, egal was das dann ist.

  2. Ich finde, das es gut ist, wenn man sich selbst erkennen kann.
    BDSM ist so vieles mehr und paßt in keine Schublade. Es geht doch im Grunde nur darum, den passenden Spielpartner zu finden, um dann sein eigenes BDSM zu kreieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.